Siegen sich die ETFs zu Tode? Mit Jan Altmann von justETF – El Dinero Folge 8

In der achten Folge von “El Dinero” diskutieren wir mit Jan Altmann von justETF über den Siegeszug der ETFs – und die daraus entstehenden Probleme. Mit ihm sprechen wir darüber, ob sich ETFs zu Tode siegen und ob sie nicht irgendwann gefährlich für die Märkte werden.

Überblick Jan Altmann von justETF

2008 war das Konzept den breiten Markt zu kaufen und dann passiv rumzusitzen vollkommen obskur. Heute hat auch das Sonderheft “Laura – Haus & Garten” eine ETF-Ecke.

“Kauf einen ETF” ist heute das Äquivalent zu “nobody ever got fired for buying IBM”. Mit einem ETF kann man nichts falsch machen. ETFs sind die sichere Bank. Der ETF-Sparplan ist das neue Bausparen.

Kann es sein, dass auch “zu viel des Guten” gibt?
Darüber haben wir mit Jan Altmann von JustETF gesprochen. Haben wir da nicht den Bock zum Gärtner gemacht? Wie ETF-kritisch wird jemand sein, der seinen Lebensunterhalt bei einer Firma verdient, die die Buchstaben ETF im Namen hat?

Wir halten Jan für die richtige Wahl, schließlich war er es, der vor über 20 Jahren dieses Segment neu an der Börse Frankfurt etabliert hat. Wenn jemand die Stärken und Schwächen des Konstrukts ETF kennt, dann er.

Der ETF-Markt ist groß

Im Markt werden signifikante Summen bewegt. Weltweit sind 4 Billionen Dollar in ETFs angelegt.

ETFs in Deutschland

Sparpläne
Im Juni 2021 wurden gut 2,7 Millionen Sparpläne mit einem durchschnittlichen Volumen von 180 € angelegt. Das sind monatlich 486.000.000 Euro, also eine halbe Milliarde monatlich. Bei einer Kostenquote von 0% (Neobroker), 0,9 € (Postbank), 1% (Onvista), 1,5% (Comdirect, Consors), 2,5% (S-Broker, Targobank) bringt das monatlich Umsätze in Millionenhöhe.

Angelegtes Volumen

Bis Ende Juni 2021 waren es 2,65 Milliarden Euro. Insgesamt stiegt das Volumen von 7,5 Milliarden (2014) auf 47,6 Milliarden € (2020) – eine gute Versechsfachung. Und dann das erste Halbjahr 2021: Steigerung von 47,6 auf 64,7 Milliarden Euro. Ein Plus von 17,1 Milliarden (36 % in 6 Monaten).
Ist das noch gesund?

Inwieweit weckt das die Begehrlichkeiten der Broker? Bei diesen Volumen lohnt es sich für Handelsplatz und Broker Absprachen zu treffen. Sparpläne werden automatisiert ausgeführt. Da hat der Kunde wenig Einfluss auf den Kurs.

Die Broker sollen auf der einen Seite alles für umsonst machen und auf der anderen Seite müssen sie den Wünschen der Eigentümer nach Rendite nachkommen. Ist der Sparplan da als der neue “Bausparer” der Renditebringer für alle Beteiligten außer dem Sparer?

Ein so stark wachsender Markt zieht immer mehr Teilnehmer an.

– Ist das gut, weil: Konkurrenz belebt das Geschäft?
– Ist das schlecht, weil: Wenn so viel Geld fließt, dann zieht das auch Nachtschattengewächse an?

ETFs und der abnehmende Grenznutzen

Und der Herr sprach: Du sollst nur einem Index huldigen und siehe, der Index soll umfassen sämtliche Nationen die man Industrieland oder Schwellenland nennt und er soll kapitalgewichtet sein. Denn siehe, nur dann wirst Du Einzug halten ins Passivparadis. So oder so ähnlich hat der gute Boogle das ja formuliert. Brot&Butter-ETFs und gut.

Mittlerweile listet JustETF 1.664 ETFs auf, ExtraETF sogar 1.969 – das ist ein ETF-Pantheon, der selbst einen Hindu beeindruckt. Wer soll sich da noch zurechtfinden? Ist das nicht vollkommen kontraproduktiv?

1. Kontraproduktiv zum einen, weil es vollkommen verwirrt (siehe Marmeladenexperiment: Mehr Auswahl führt zu weniger Umsatz)
2. Kontraproduktiv, weil es die Boogl’sche Idee des marktbreiten Anlegens ad absurdum führt.
3. Sind Themen-/Nischen-, Sektor-, Dividenden-ETFs nicht einfach nur eine Chance für die Industrie die Gebühren zu erhöhen?
4. Sind gehebelte und inverse ETFs nicht eine Perversion des Boogle’schen Gedankens?

ESG/SRI-ETFs

– Sinnvoll oder Greenwashing?
– Wie grün können Großkonzerne denn überhaupt sein?
– Ist das nicht auch nur eine Möglichkeit die Vergleichbarkeit zu vermeiden und die Gebühren zu erhöhen?

Wie gefährlich sind ETFs

“Billionaire activist investor Carl Icahn, now calling ETFs “Dangerous”.”

Der Kapitalmarkt ist ein reflexives Biest. Jede Aktion hat ihre eignen Quer-, Neben und Seiteneffekte. Ab wann sind ETFs (egal ob als passive oder aktive Tools) so groß, dass sie durch ihre schiere Masse den Markt verzerren?
Letztlich sind ETFs ja Momentum-Investitionen: Wer hat, dem wird gegeben. Die großen Werte werden gekauft weil sie groß sind. Der Index gibt es so vor. Das pusht die Kurse der Großen unabhängig von den Fundamentaldaten.

Stimmt das überhaupt? Ist der ETF-Markt mittlerweile so groß, dass das eine Rolle spielt?
Und wenn: Ist das ein Problem, oder mittelt sich das wieder aus? Wenn die FAANGs nicht mehr so performen werden sie eben nach unten durch gereicht.

Die Michael-Burry-Prophezeiung

Die FED kauft auch ETFs und verzerrt so den Markt zusätzlich.

“The Fed has bought $8.7 billion worth of ETFs.

Herr Burrys Analogie: Die Preisfindung wird durch Aufkäufe der EZB im Bereich Zinsprodukte gestört, der ETF zerstört die Preisfindungsprozesse im Aktienbereich.
Wenn zu viele Menschen ETFs kaufen, wer kümmert sich dann noch darum den fairen Preis für die Aktien zu finden, aus der denen der Index besteht?

Dann hängt der Preis nicht mehr davon ab, was die Fundamentaldaten sagen, sondern einfach von der zuströmenden Liquidität. Wenn die einbricht, dann fallen die Preise.
Ist das eine ernst zunehmende Bedrohung oder ein Hingespinst? Womöglich können ja 99% in ETFs investieren, weil es reicht, wenn 1% aktiv in Einzelaktien unterwegs sind.

Liquidität

Wenn die Märkte nicht mehr rund laufen können die ETF-Kurse enorm von den Kursen der in ihm enthaltenen Aktien abweichen. Ist der ETF nicht eher ein Schönwetter-Investment? Sobald die Marketmaker keinen Preis mehr stellen können, bricht der ETF-Kurs um 20% – 30% ein, obwohl der Index nur um 5% -6% eingebrochen ist.
Das betrifft ja besonders die Nischen-ETFs. Da versagt doch das Geschäftsmodell des ETFs weil es in der Krise schlicht keine Liquidität gibt.
ETFs täuschen eine Liquidität vor, die es so in den Primärmärkten nicht gibt. Aber ist das wirklich so?
Aber: Werden ETFs womöglich für Probleme verantwortliche gemacht für die sie nichts können? Ist das denn wirklich relevant für einen langfristig anlegenden Privatanleger?

ETFs und Neobroker

In diesem Artikel geht es um eine Studie, die zeigt, dass ETF-Depots 1,1% schlechter abschneiden als Depots ohne ETFs. Der Grund: Die Leute handeln wie die Irren. Wird das durch die Kombi mit den Neobroker nicht noch verstärkt?

Die Grenzen der ETFs

Wer nur einen Hammer hat, für den besteht die ganze Welt aus Nägeln. Ist das Instrument ETF wirklich das Allheilmittel für die Altersvorsorge breiter Bevölkerungsschichten?
Wo liegen Deiner Meinung die Grenzen des ETF-Investments?
Heute kann man ja Auto fahren ohne im geringsten zu verstehen, wie ein Otto-Motor funktioniert. Mein Vater hatte noch das passende Buch der Reihe “Jetzt helfe ich mir selbst” im Handschuhfach liegen. Lässt sich das auf ETFs übertragen: “Kauf’ das Zeug, musst nix von Börse verstehen?”

Fazit

Sollten unsere Hörer trotzdem in ETFs investieren und wenn ja in welche Kategorien?

Links zum Thema

Themen-ETFs und Themen-Fonds – Der Finanzwesir rockt 103
JustETF im Interview: “Lohnen sich Dividenden-ETFs überhaupt?”

Medienempfehlung von Jan Altmann

JustETF-Podcast
– Generell die Publikationen der Stiftung Warentest zum Thema

Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs: Wie Privatanleger das Spiel gegen die Finanzbranche gewinnen von Gerd Kommer\*

Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen von Nassim Nicholas Taleb*

Sponsor dieser Episode ist Blinkist

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Du findest den Podcast hier:

Folge mit Jan Altmann gleich anhören

Weitere Folgen von El Dinero

“Embedded Finance wird massiv an Bedeutung gewinnen” – Interview mit Nils-Hendrik Höcker von Bux

“Wir nutzen unsere Firmenstruktur, um die Kosten weiter zu senken!” – Interview mit Sebastian Külps von Vanguard

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Eine Antwort

  1. Der folgende Gedanke passt nicht zum Thema, aber vielleicht ist er ja trotzdem lohnenswert für Dich:
    Am 29.09.2021 las ich einen kurzen Ausschnitt eines Artikel in der FAZ (Überschrift siehe unten).

    Stephan Bone-Winkel, derzeit Honorarprofessor für Immobilienentwicklung an der Uni Regensburg , Investmentkomitee der Fonds-Gesellschaft Aventos , nahm Stellung zu Immobilieninvestments, das klang ganz interessant. Vielleicht ist das ja ein Gesprächspartner für Deinen Podcast. Ich habe das nur bis zur Bezahlschranke gelesen.

    „Immobilien-Aktien sind viel besser als Fonds“ FAZ.net vom 29.09.2021

    Auf den Podcast mit Altmann freue ich mich schon, seinen JustETF Podcast mag ich auch sehr.

    LG
    H

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