Finanziell flexibel statt finanziell frei – Interview mit Ingo Scholtz (Mission Cashflow)

Vier Jahre stand Ingo Scholtz auf meiner Gästeliste. Zwischendurch bereiste er drei Jahre lang die Welt – mit 50 Euro am Tag und von einem Dividendendepot, das in der Zeit einfach weitergelaufen ist. In Folge 274 erklärt er, warum er sich trotzdem nicht finanziell frei nennt.

Ingo Scholtz Mission Cashflow im Interview

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Überblick Ingo Scholtz von Mission Cashflow

„Ich habe immer gesagt: Wenn ich mal irgendwo zu Gast bin, dann beim Finanzrocker und nirgendwo anders.”

Vier Jahre stand Ingo Scholtz auf meiner Gästeliste. Dann kam Corona. Dann die Weltreise. Dann ein Todesfall in der Familie. Und irgendwann sieben Monate Afrika.

In Folge 274 des Finanzrocker-Podcasts hat es jetzt endlich geklappt – und das Gespräch war deutlich ruhiger und ehrlicher, als ich vorher erwartet hatte.

Es ging um Dividenden, Weltreisen mit 50 Euro Tagesbudget, Covered-Call-ETFs, KI im IT-Support und die Frage, warum Ingo sich trotz Depot und Ausschüttungen nicht als finanziell frei bezeichnet.

Sondern als finanziell flexibel.

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Finanzielle Freiheit? Würde er über sich selbst nicht sagen

Wer den Namen „Mission Cashflow” hört, denkt erstmal an das typische Finanz-YouTube-Kino: Privatier-Leben, Porsche vor der Tür, vielleicht Dubai.

Ingo lebt allerdings in Köthen in Sachsen-Anhalt, fährt gerne für das Mittagessen nach Dessau zum Inder und spricht erstaunlich nüchtern über Geld.

„Ich würde mich nicht als finanziell frei bezeichnen.”

Warum nicht?

„Weil ich halt nicht alles machen kann, wonach mir düngt. Aber ich bin finanziell flexibel – ich habe mir die Basis geschaffen, überhaupt Möglichkeiten zu haben.”

Das finde ich übrigens eine der ehrlichsten Definitionen, die ich in all den Jahren im Podcast gehört habe. Nicht der große Freiheits-Claim. Sondern ein Leben, das echte Optionen lässt. Wer sich das aufbaut, hat schon mehr erreicht als die meisten. Aber man muss es auch wollen. Für viele ist das nicht der Weg.

Kündigung im Januar 2020. Drei Wochen später kam Corona

Fast zwanzig Jahre arbeitete Ingo im IT-Support für ein großes IT-Unternehmen, zuletzt im Management für die DACH-Region.

Dann kündigte er. Nicht wegen Burnout. Nicht wegen einer Krise. Sondern weil er nach einem Sabbatical in Asien wusste: drei Monate reichen ihm nicht für eine längere Reise.

Das Timing war trotzdem schwierig.

„Es war einfach das schlechteste Timing ever.”

Drei Wochen nach der Kündigung ging die Welt in den Lockdown. Trotzdem zog er los. So wurden aus den ursprünglich geplanten zwei Jahren wurden drei. Später kamen noch mehrere Monate Afrika dazu.

Ich kenne das Gefühl übrigens aus eigener Erfahrung. Meine eigene Sabbatical-Weltreise hatte ich für Herbst 2020 geplant. Dann kam Corona und ich habe mich parallel selbstständig gemacht, um das Sabbatical machen zu können. Es hat dann aber ein Jahr gedauert und aus der Weltreise wurde eine 10-wöchige Tour durch die USA.

Aber die Parallelen zu Ingos Weg sind verblüffend. Manchmal braucht es einfach einen harten Cut, damit sich was bewegt.

Drei Jahre Weltreise mit 50 Euro am Tag – wie geht das?

Die Reise von Ingo klingt aber deutlich weniger glamourös, als viele wahrscheinlich denken.

Keine Luxusresorts. Keine Business-Class-Flüge. Keine Instagram-Momente mit Infinity-Pool.

Eher das Gegenteil war der Fall: Hostels. Busse, Streetfood und Budget-Airlines prägten die Reisen.

„Die meisten Länder sind günstiger als Deutschland.”

Ingo rechnete ziemlich genau mit – und landete am Ende bei etwa 18.000 Euro pro Jahr. Inklusive Versicherungen. Ohne Wohnung in Deutschland.

Und selbst beim Reisen denkt er wie ein Investor: Vor der Reise nach Japan prüfte er den Yen-Kurs. Der stand historisch günstig. Alles wurde dadurch spürbar billiger.

Wechselkurs-Arbitrage als Reisestrategie. Typisch Ingo.

Wie eine Apple-Dividende alles verändert hat

Zum Investieren kam Ingo eher zufällig.

Ein Kollege brachte ihn auf Aktien. Erst probierte er Zertifikate und Optionsscheine – vieles davon funktionierte nicht besonders gut.

Dann passierte etwas ziemlich Banales: Apple zahlte Dividende.

„Ich wusste nicht, was das ist.”

Also fing er an zu lesen.

„Und ab da war es eigentlich vorbei. Weil was ist denn besser, als nichts zu tun und Geld auf sein Konto zu bekommen?”

2014 startete er sein Dividendendepot, 2015 den Blog Mission Cashflow. Seitdem dokumentiert er öffentlich – inklusive Fehlern, Korrekturen und Umschichtungen. Das ist übrigens auch der Grund, warum Ingo auf meiner Gästeliste gelandet ist: Diese Art der transparenten Dokumentation hat Seltenheitswert.

Das Depot: 95% USA, ~40 Einzelaktien, ausschüttende ETFs

Ingos Depot besteht heute größtenteils aus US-Aktien. Wer das hört, ruft sofort: Klumpenrisiko!

Ingo sieht das entspannter.

„I’d never bet against America.”

Die großen US-Unternehmen seien ohnehin weltweit aufgestellt. Und dann kommt der Punkt, den viele übersehen: Wer sein Einkommen in Euro bekommt, sitzt bereits zu 100 Prozent in einer Währung. Ein US-lastiges Depot bringt automatisch den Dollar als zweiten Baustein ins Spiel.

Das Depot besteht aktuell aus:

  • rund 40 Einzelaktien (nach regelmäßiger „Qualitätsoffensive”)

  • 8 REITs für hohe, stabile Ausschüttungen

  • ausschüttenden ETFs – ausnahmslos

  • Amazon als einziger Position ohne Dividende

Die monatlichen Ausschüttungen liegen bei ungefähr 500 Euro.

Einmal im Jahr oder alle zwei Jahre fliegen Positionen raus, die nicht mehr passen. AT&T zum Beispiel – drei Jahre keine Dividendenerhöhung, also raus. Kein Sentiment, keine Nachsicht. Konsequenz statt Nostalgie.

Income-ETFs: Warum iShares die JP-Morgan-Produkte aktuell schlägt

Einer der inhaltlich stärksten Teile des Gesprächs. Ingo hat jahrelang selbst Optionen gehandelt – er weiß also genau, was hinter diesen neuen Covered-Call-ETFs steckt.

Sein Vergleich der drei großen Anbieter:

Anbieter Strategie Aufwärtspotenzial Ausschüttung Ingos Fazit
GlobalX At-the-Money-Calls auf 100% des Bestands Keines ~12% p.a. Ausgeschlossen
JP Morgan Out-of-the-Money-Calls, nicht auf alles Begrenzt vorhanden ~6–9% p.a. Nasdaq-Variante gut, Global schwächer
iShares (BlackRock) OTM-Calls + Futures-Optionen Deutlich vorhanden ~9–10% p.a. Aktuell bestes Produkt

„Die World-Variante von iShares schafft fast die gesamte Performance des MSCI World – und schüttet dabei 9 bis 10 Prozent aus.”

Sein Favorit für eine Dreier-Kombination, falls man alle großen Märkte abdecken möchte: iShares World + iShares US + JP Morgan Nasdaq.

Wichtige Einschränkung, die Ingo klar macht: Diese Produkte sind nicht für den Vermögensaufbau geeignet. Wer noch 20 Jahre Anlagehorizont hat, setzt besser auf Wachstum. Für Menschen in der Entsparphase oder kurz davor – wie Ingo – sieht die Rechnung anders aus.

Irgendwann waren Schildkröten wichtiger als Optionen

Über Jahre handelte Ingo zusätzlich Optionen. Diszipliniert, dokumentiert, fast täglich – alles nachlesbar auf dem Blog.

Auf Reisen funktionierte das nicht mehr. Es gab zu viele Zeitzonen, schlechte Internetverbindungen und fehlende Routine.

Und irgendwann stand er vor einer ziemlich einfachen Entscheidung:

„Trader Workstation oder Schildkröten schnorcheln.”

Seine Antwort:

„Ich habe mich halt öfters für die Schildkröte entschieden.”

Der Satz beschreibt das Gespräch eigentlich ziemlich gut. Es geht bei Ingo nicht darum, aus allem maximalen Profit herauszuholen. Sondern darum, ein Leben zu bauen, das langfristig zu einem passt – und nicht andersherum.

Köthen statt Dubai: Der Plan bis zur Rente

Was im Gespräch immer wieder auffällt: Ingo wirkt erstaunlich unaufgeregt.

Er hat keine Luxusfantasien oder phrasigen Motivationssprüche. Kein „Brudi, ich mach Tenbagger”-Content.

Er spricht lieber darüber, dass die Mieten in Köthen günstig sind und sein Lieblings-Inder in Dessau mittags 7,50 Euro kostet.

Sein Plan bis zur Rente ist ebenfalls pragmatisch:

  • Ausschüttungen organisch steigern: Minimalziel plus 50 Euro pro Monat pro Jahr

  • Zieldepot bis zur Rente: rund 440.000 Euro

  • Dazu: gesetzliche Rente von prognostizierten ~1.600 Euro

  • Notfallplan: kontrolliertes Entsparen nach dem Prinzip von Die with Zero

„Das Wichtigste von eigenem Vermögen ist nicht, dass ich mir ein zweites Motorrad kaufen kann, sondern diese Freiheiten, die es einem gibt.”

Er sagt aber auch offen: In München oder Hamburg würde dieses Modell so nicht funktionieren. Geographische Arbitrage ist Teil der Strategie und zwar ganz bewusst und nicht zufällig.

KI wird Support-Jobs radikal verändern

Spannend war auch seine Perspektive auf künstliche Intelligenz – gerade weil er jahrelang selbst in genau dem Bereich gearbeitet hat, der jetzt unter Druck gerät.

„Der Frontline-Agent-Job wird zu 95 Prozent wegfallen.”

Und auch sein Blog spürt die Verschiebungen bereits: weniger neue Leser, weniger organischer Traffic, mehr Konkurrenz durch KI-generierte Inhalte, YouTube und Social Media.

„Es kommen halt kaum noch neue Leser hinzu – und das tötet einen langsam.”

Trotzdem glaubt er, dass echte Erfahrungen und echte Stimmen langfristig wieder gefragt sein werden. Ich teile diese Einschätzung, auch wenn der Weg dahin gerade mühsam ist. Den Finanzrocker-Blog muss ich gerade auch sehr mühsam auf die neuen Google-Algorithmen umstellen.

„Vergleich dich nicht”

Der stärkste Moment des Gesprächs kam ganz am Ende. Beim Thema Glück zitierte Ingo Søren Kierkegaard:

„Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.”

Er benchmarkt sich nicht gegen andere Depots, andere Blogger, andere Finanzinfluencer. Er fragt sich, ob sein heutiges Leben besser zu ihm passt als das von vor zehn Jahren.

„Hört auf mit dem ständigen Vergleichen. Dann wird das Leben wird automatisch ein gutes Stück besser.”

Das ist am Ende vielleicht der wichtigste Satz aus dieser Folge. Nicht die ETF-Empfehlung, nicht die Depotgröße.

Sondern die Erinnerung daran, wofür das alles eigentlich ist.

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