Von MOOC und MOOIN – Interview mit E-Learning-Spezialist Andreas Wittke

Heute geht es um MOOC und MOOIN. Um das spannende Thema digitale Weiterbildung noch ein wenig zu vertiefen, habe ich den E-Learning-Spezialisten Andreas Wittke von der Fachhochschule Lübeck um ein Interview gebeten. Herausgekommen ist ein sehr langes und interessantes Gespräch, das Aspekte der Weiterbildung beleuchtet, die sonst (noch) nicht im Fokus der Öffentlichkeit auftauchen. Viel Spaß beim Lesen!

Andreas_Wittke_OnCampusAndreas, Du arbeitest ja als IT-Experte bei der Fachhochschule Lübeck. Als jemand, der aus dem Bildungsbereich kommt, wie wichtig sind die Themen E-Learning und Weiterbildung Deiner Meinung nach heutzutage?

Das sind ja gleich zwei Fragen in einer. Zuerst zu der Weiterbildung. Weiterbildung ist heute für jeden elementar. Nicht umsonst sprechen wir heute vom “Life Long Learning”. Kaum jemand arbeitet heute 40 Jahre lang in seinem Ausbildungsberuf. Eine ständige Weiterentwicklung ist unabdingbar. Man sieht es am technischen Fortschritt und der damit verbundenen Änderung des Arbeitsprofils. Computer, Internet und Smartphones halten Einzug und die Papierverwaltung stirbt aus. Google ist gerade einmal 17 Jahre alt, das Smartphone noch nicht mal zehn Jahre und beides hat das Arbeitsleben grundlegend verändert.

E-Learning ist nur ein Teilbereich der Weiterbildung, jedoch sicherlich der modernste und flexibelste. Das Lernen der Zukunft kommt zum Kunden, also zum Lerner; früher war es genau anders herum. Wir alle sind gemeinsam in die Schule gegangen und später zur Universität, saßen zusammen und haben alle mit der gleichen Geschwindigkeit das Gleiche zur selben Zeit gelernt. Heute ruft man mit dem Browser eine Webseite auf und findet individualisierte flexible Angebote, die man zu jeder Uhrzeit ohne sein Büro verlassen zu müssen oder von jedem Ort der Welt aus nutzen kann. E-Learning bietet heute schon diese Unabhängigkeit und man forscht weiter an neuen Angeboten, die entweder sehr spezialisiert, sehr automatisiert oder sogar beides sind.

Erklär’ doch bitte mal was hinter den Begriffen MOOC und MOOIN steckt?

MOOC steht für Massive Open Online Courses. MOOCs sind neue, sehr innovative, technisch anspruchsvolle Kursformate, die besonders für sehr große Menschenmassen geeignet sind. Das Konzept ist sehr radikal, denn diese Angebote sind zu 100% digital, nutzen alle Vorteile des Netzes und auf Präsenzen wird ganz verzichtet. Dafür stehen sie allen offen, sind kostenlos und ermöglichen so unglaubliche Kursgrößen bis zu 350.000 Teilnehmern. Die Betreuung ist sehr automatisiert und die Teilnehmer werden z. B. durch Peer-Review aktiv eingebunden. Dozenten gibt es in der bekannten Form gar nicht.

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Die Fachhochschule Lübeck ist einer der größten MOOC-Anbieter Deutschlands und hat mit mooin eine eigene Plattform entwickelt. Im März sind die ersten MOOCs auf mooin gestartet. Neben Marketing, Projektmanagement und einem Videokurs, wurde mit dem ichMOOC eine neue Kooperation mit den Volkshochschulen Hamburg und Bremen gestartet. Volkshochschulen haben normalerweise keine Ressourcen bzw. die nötige Infrastruktur um MOOCs zu entwickeln und zu betreiben. Hochschulen haben einen Bildungsauftrag, der inzwischen weit über das normale Studium hinausgeht. Da bieten sich neue Partnerschaften für das Life Long Learning an. Mit dem ichMOOC ist der größte Volkshochschulkurs aller Zeiten herausgekommen: über 50 Volkshochschulen aus vier Ländern mit über 1500 Teilnehmern.

mooin steht dabei für alle MOOC-Macher offen, d.h. jeder darf seinen MOOC bei mooin anbieten und das natürlich kostenfrei.

Was für Kurse bietet Ihr an und wie läuft so ein Kurs ab?

Wir haben inzwischen sieben MOOCs auf mooin. Angefangen hat das alles mit „Grundlagen des Marketings“, dann kam die “Geschichte der Hanse”. Dieses Jahr kamen neu “Projektmanagement” und der “VideoMOOC” dazu sowie „Das digitale Ich“ mit den genannten Volkshochschulen. Im Herbst startet der neue Corporate-Learning-2.0-MOOC, bei dem jede Woche ein anderes Unternehmen u. a. Deutsche Bahn, SAP, Miele und adidas integriert wird. Hier geht es rund um das Lernen und Arbeiten im 21.Jahrhundert, was meist mit Arbeit 4.0 umschrieben wird.

Der Ablauf ist sehr einfach. Man meldet sich kostenfrei auf unserer Seite an und kann dann loslegen. Zeitpläne, Kurskonzept, Lernziele und natürlich das Arbeitsmaterial sind online abrufbar. Unsere Kurse haben sehr viele Videos, wenig Texte und die Lernergebnisse werden meist durch Quizze in den Videos abgefragt. Teilweise müssen aber auch praktische Arbeiten ausgeführt werden, die dann von anderen Teilnehmern bewertet werden. Das haben wir z. B. beim VideoMOOC gemacht, in dem jeder ein eigenes Video erstellt hat.

Als Belohnung erhält man dann kleine Nachweise für den Lernfortschritt, die man in der digitalen Welt “Badges” nennt. Ganz zum Schluss kann man oft auch ein Teilnahmezertifikat erreichen. Bei einigen Kursen kann man diese Ergebnisse auch als Studienleistung anerkennen lassen, um vielleicht ein Studium zu verkürzen. Dazu müssen aber Qualität und Niveau stimmen und es muss eine Prüfung bestanden werden. Hierbei gibt es noch eine Menge Forschungsbedarf, aber Online-Universitäten werden nicht in 5 Jahren gebaut. Das ist alles Neuland und wir in Lübeck gehören wir zu den wenigen weltweit, die daran intensiv forschen.

Wie kann ich mich anmelden und muss ich mich dafür bei der Fachhochschule anmelden?

Wie eben schon erwähnt läuft das über unsere Webseite. Man kann dort seinen Facebook- oder Google-Account für die Registrierung nutzen, oder man kann sich einen eigenen Account anlegen, wenn man diese Firmen nicht mag. Dann benötigt man Logo_Mooinnur eine gültige E-Mail-Adresse, nicht einmal einen realen Namen; ein Pseudonym reicht völlig aus. Wir geben als Fachhochschule natürlich keine Daten an Dritte weiter und unterliegen dem deutschen Datenschutz.

Jeder kann mitmachen, man benötigt keine Hochschulzulassung oder ähnliches und alle Kurse sind kostenfrei. Nicht jeder beendet auch den Kurs. Viele Teilnehmer schauen sich nur einige Kapitel an oder wollen keine Tests machen. Diese neuen Lernformate müssen völlig anders bewertet werden, als bisherige Fortbildungen. Daher ist dieses Thema auch so spannend. Man kann das z.B. gut mit eine Fachbuch oder Lexikon vergleichen, bei dem man auch nur das Kapitel liest, was man braucht. Kaum jemand liest ein Fachbuch von vorne bis hinten durch. Man hat also schon immer so gelernt, nur kommen jetzt auch die digitalen Angebote dafür.

Was kostet so ein Kurs?

Für die Nutzer ist der Kurs kostenfrei, aber wir investieren ca. 25.000 Euro pro Kurs. Bei längeren Kursen ist es natürlich mehr. Es gibt auch andere Anbieter, wo die Entwicklungskosten in den sechsstelligen Bereich gehen. Das sind dann Prestige-Objekte, die wir nicht finanzieren können.

Und wie finanziert Ihr das, Andreas?

In Deutschland wird Bildung zum Glück gefördert. Schulen und auch Hochschulen sind kostenfrei und die Studiengebühr hat sich nicht durchgesetzt. Für die MOOCs haben wir 1,8 Mio. Euro Förderung bekommen, was uns zu einen der größten deutschen MOOC-Projekte macht. Wir können in Lübeck stolz sein, auf diesem Gebiet auch international mit an der Spitze zu sein.

Wir forschen jedoch auch an zukünftigen Geschäftsmodellen und denken hier z. B. über Premium Content, kostenpflichtige Zertifikate, Sponsoring oder Micropayment nach. Dabei haben wir aber ähnliche Probleme wie alle anderen Inhaltsanbieter im Netz, wie die Zeitungsverlage oder die Musikindustrie.

Kann ich mir die Kurse auch mobil anschauen, wenn ich beispielsweise im Zug sitze? Habt Ihr eine App dafür?

Wir haben uns gegen eine App entschieden und setzen dafür konsequent auf responsive Webdesign. Das bedeutet mooin läuft im Webbrowser auf Smartphones und Tablets. Wir haben dafür eine neue Design-Strategie entwickelt und nennen das „Fat Media“. Das bedeutet nichts anderes, als dass wir immer sagen: Medium first, Text second. Alle Medien werden dabei sehr groß (Fat Media) in einer Spalte dargestellt, damit man auch alles auf Smartphones sogar im Hochformat bedienen kann. So sind dann auch Webdienste, wie GoogleMaps oder YouTube möglich. Wer mehr darüber wissen will, kann sich gerne unseren Vortrag anschauen.

Die Frage nach dem Zug ist jedoch traurig, da die Bahn es auch im Jahr 2015 noch nicht geschafft hat, WLAN im Zug anzubieten und auch die Internet-Provider haben noch sehr viele weiße Flecken auf der Karte der Netzabdeckung. mooin funktioniert nur mit aktivem Internetzugang und man kann keine Offline-Version herunterladen. Das ist heute auch nicht mehr sinnvoll, da viele Inhalte gar nicht mehr auf einer Webseite liegen. Alles ist vernetzt. Unsere MOOCs setzen sich aus vielen unterschiedlichen Quellen zusammen, z.B. Wikipedia, Mediatheken, YouTube oder Slideshare. Wir setzen auch viele Embedded Elements wie GoogleMaps oder die LearningApps ein und unser Quizsystem Capira wird im Saarland entwickelt. Singuläre Systeme funktionieren im Jahr 2015 nicht mehr, daher spricht auch jeder von der Cloud. Deutschland muss da jedoch noch viel lernen, daher ist das auch alles Forschung.

Wenn die Leser nun Interesse daran haben, wie können sie mehr erfahren?

Einfach bei uns auf der Webseite vorbeischauen, den Newsletter von oncampus abonnieren, @oncampusfhl auf Twitter folgen oder unsere Oncampus-Facebookseite liken. Wer mir folgen will, ich twittere unter @onlinebynature und schreibe für meinen eigenen Blog.  Der Name ist Programm :-).

Investierst Du auch in Dich selbst?

Ja, das machen aber alle bei uns. oncampus bietet nicht nur Weiterbildungskurse an, sondern fördert auch aktiv die Weiterbildung der Mitarbeiter. Wir können Konferenzen besuchen, ein Zweitstudium wird bezahlt und jede Woche gibt es bei uns interne Fortbildungen. Wir leben, was wir entwickeln, das war schon immer unser Motto. Neben meinen ganzen Vorträgen und Forschungsarbeiten versuche auch ich mich gezielt weiterzubilden. Wer stehen bleibt ist (nicht nur) in unserem Business tot.

Was habt Ihr denn für Zukunftspläne mit OnCampus?

Wir haben als eine der wenigen Hochschule in Deutschland eine digitale Langzeitstrategie mit Meilensteinen in den Jahren 2020 und 2025. Wir sind dafür sogar vom Stifterverband ausgezeichnet worden und unsere Präsidentin Frau Helbig hat das auch ausgezeichnet dargestellt.

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Bei den MOOCs planen wir 40 MOOCs bis 2020 zu entwickeln. Parallel dazu denken wir sehr stark in Netzwerken, z.B. haben wir gemeinsam mit den Grazern Unis den MOOChub gegründet, bieten gemeinsam Kurse an und wollen sowohl im Marketing als auch bei den Badges kooperieren. Mit der Virtuellen Fachhochschule haben wir den einzig funktionierenden länderübergreifenden Hochschulverbund Deutschlands, in dem wir neue Online-Studiengänge weiter entwickeln. Momentan haben wir 10 Partnerhochschulen und wir werden kräftig wachsen, mehr will ich dazu jetzt nicht verraten:-)

Im September ziehen wir dann auch um, da wir inzwischen über 70 Mitarbeiter haben und neue Räumlichkeiten brauchen. E-Learning ist in Lübeck eine Erfolgsgeschichte und so extrem wie wir baut keiner an der Hochschule 2.0.

Wow, das klingt alles ungemein spannend. Vieles hatte ich gar nicht so auf dem Schirm. Deshalb ein herzliches Dankeschön für das Interview, Andreas.

Mehr über Andreas Wittke findest du hier:

https://about.me/andreaswittke

Blog: www.onlinebynature.com

Twitter: @onlinebynature

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2 Antworten

    1. Vielen Dank für Dein Feedback, Andreas. Freut mich wiklich, dass Du einen Nutzen daraus ziehen kannst. Vielleicht magst Du ja nach dem MOOC mal schreiben, wie es Dir gefallen hat?

      Viele Grüße
      Daniel

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